Von Beirut nach Damaskus
Normalisierung der Beziehungen zwischen Libanon und Syrien?
Beide Seiten zufrieden mit jüngstem UN-Bericht zum Hariri-Mord
Rainer Rupp
Der neue Zwischenbericht des belgischen Sonderstaatsanwalts und
Leiters der UN-Kommission zur Untersuchung der Ermordung des
ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri, Serge
Brammertz, ist in Syrien positiv aufgenommen worden. Am Montag
lobte der syrische Informa-tionsminister Mohsen Bilal das Papier
für seine »Professionalität« und für seine »politische
Enthaltsamkeit«. Brammertz, der seinen Bericht bereits am
vergangenen Samstag UNO-Generalsekretär Kofi Annan überreicht
hatte, wird ihn am heutigen Mittwoch dem UNO-Sicherheitsrat
präsentieren. Agenturberichten zufolge steht der Bericht
Brammertz’ in krassem Gegensatz zu den von seinem Vorgänger,
Detlev Mehlis, verfaßten Dokumenten. Der deutsche Staatsanwalt
hatte faktenresistent eine politische Kampagne gegen Syrien
geführt und ohne Beweise höchste syrische Staatsmänner der
Ermordung Hariris beschuldigt.
Mit Unterstützung Washingtons hatte es Mehlis darauf angelegt,
die syrische Regierung öffentlich zu demütigen. Durch eine auf
diese Weise provozierte Verweigerung der Kooperation aber hätte
sich Syrien der Mißachtung der Resolution 1595 des
UNO-Sicherheitsrats schuldig gemacht, und die USA hätten den
gewünschten Vorwand für eine militärische Strafaktion gegen
Damaskus gehabt. Dank Mehlis eskalierte die Lage im Libanon zur
größten Krise seit Ende des Bürgerkriegs, und trotz Abzugs
seiner Stabilisierungstruppen aus dem Libanon geriet Damaskus
international immer stärker unter Druck.
Zu einer relativen Entspannung kam es erst Anfang des Jahres,
nachdem Mehlis nachgewiesen worden war, daß er mit gekauften
Zeugen gearbeitet und keine Grundlage für seine wilden
Beschuldigungen hatte. Mehlis ging, und der Belgier Brammertz
nahm seinen Platz ein. Der hat nun einen politisch ungefärbten
Bericht vorgelegt, der sich an Fakten hält und auch nicht mit
Namen spekuliert. Während sich die Berichte von Mehlis »wie
Kriminalromane« lasen, so die New York Times am Sonntag, seien
die von Brammertz »in einem vernünftigen und technischen Ton«
gehalten. Und sowohl Syrien als auch Libanon scheinen zufrieden.
Brammertz betont in seinem Bericht, daß die Zusammenarbeit mit
Damaskus gut und Syriens »volle und vorbehaltlose Kooperation«
nach wie vor »äußerst wichtig« sei. Informationsminister Bilal
verwies seinerseits im syrischen Fernsehen darauf, daß Brammertz
z.B. am 25. April zum ersten Mal mit Syriens Präsident Baschar
al-Assad und dessen Vizepräsidenten Faruk al-Schara
zusammengetroffen ist. Zugleich kritisierte er den jüngsten
Besuch des libanesischen Ministerpräsidenten Fouad Siniora in
den USA. »Die Straße von Beirut nach Damaskus« sei der »kürzeste
Weg«, und deshalb brauche man »nicht über Washington zu gehen«,
sagte Bilal. Auch Siniora lobte am Montag die »Unparteilichkeit,
den Professionalismus und die Unabhängigkeit« des Berichts von
Brammertz. Nach den Rückschlägen der US-gesponserten sogenannten
»Zedern-Revolution« könnte dies ein Zeichen dafür sein, daß die
libanesische Regierung eine Normalisierung der Beziehungen mit
Syrien anstrebt.
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